
Deutsch - Paul Mangen
Jos Deenen 39 Jahre Kunstler aus Venlo stellt in der Zeit vom 26. Januar bis März im Ruhrgebiet seine Werke -Photocollagen - aus.
In irgend einem Lande stirbt ein Kind an Unterernährung. Warum? Sein Vater, ein Arbeiter, ist arbeitslos. Warum? Die Fabrik in der er arbeitet, ist geschlossen. Warum? Die Fabrik kann keine Profite mehr machen. Warum? Ein anderes Land - weit entfernt vom Sterbeplatz des Kindes - kann das Produkt billiger herstellen. Warum? Es gibt in dem Land keine machtvollen Gewerkschaften. Warum? Warum? Warum? Warum?
Was immer das letzte Warum, die Tatsachenreihe vom Tode des Kindes bis hinunter zu den schwachen Gewerkschaften in dem weit entfernten Lande, von dem das Kind nie gehört hatte, ist eine geschlossene Reihe, ist ,,Eine Welt”. Nun nehmen wir einmal an, wir baten einen Künstler, einen Maler oder Photographen diese Wirklichkeit darzustellen. Was könnte er darstellen? Vielleicht einen Arzt, der sich über das Sterbebett des Kindes beugt? Oder einen Lohnstreik, der von Polizei zerstreut wird? Die Bilder mögen noch so realistisch oder naturalistisch sein – sie wären nur Ausschnitte, sie zeigten nur Kettenglieder; aber nicht die Wirklichkeit, die aus Verkettung besteht. Die Beziehung , d.h. die Wirklichkeit, bliebe also unsichtbar. (Zitat aus de Eröffnungsrede zur Ausstellung von John Heartfield in New York, 1938)

Gott mit uns, 1995 (47x82)
Von dieser Unsichtbarkeit und von dieser Unzulänglichkeit des menschlichen Auges geht Deenen aus. Wenn er die Wirklichkeit entstellt und auf ungewöhnliche Art zusammenstellt, tut er es nur, um sie richtig zu stellen. Wenn er konstruiert, konstruiert er nicht, um von der Wirklichkeit abzuführen wie die Konstrukteure üblicher Phantasiebilder, Klinger oder Böcklin oder die Surrealisten, sondern um erst die wirkliche und dem unbewaffneten Auge unsichtbare Welt sichtbar zu machen.
Die Geseilschaft macht sich in ihrer Zurschaustellung eigens sichtbar, um sich in ihren eigentlichen Interessen unsichtbar zu halten. Das Mißtrauen, das man gegenüber der sichtbaren Welt hegt, muß also gegenüber der Gesellschaft um so größer sein, als sie Sichtbarkeit als spanische Wand benutzt. Dieses Dahinter in die Sichtbarkeit vorzuschieben, seinen Gegner auf den Platz zu schieben, wo er in flagranti ertappt werden kann, das ist Aufgabe Deenens. Seine Bilder haben deshalb sehr häufig zwei verschiedene Hälften. Die eine Seite ist die jedem bekannte, von jedem identifizierbare, sichtbare Seite. Die andere Hälfte des Bildes ist die verborgene Seite, das unvergeßlich Zweideutige.
Wenn er komponiert oder kombiniert, so nur, um das effektiv Zusammengehörige als Urteil zu unterbreiten; und wenn er erfindet, tut er es, um zu entdecken und um die Entdeckung weiterzugeben. Deenen macht nicht nur dasjenige sichtbar, was in Wirklichkeit existiert; sondern er übersetzt Lügen, Phrasen und Metaphern ins Bild, um sie durch die überdeutliche Versinnlichung ad absurdum za führen.
Die Herstellung einer Photomontage, die scheinbar nur das rasche Werk von Schere und Klebstoff ist, ist das Ergebnis einer vorsichtigen und überlegten Arbeit, die nicht geringer ist, als die Arbeit eines Malers oder Zeichners oder Schriftstellers.
Obwohl die Materialien der Photomontage - Photo, Schere , Leim und Wort - jedem zur Verfügung stehen, steht doch ihre Verwendung nicht jedem zur Verfügung. Wer mit Schere, Leim und Wort nur schneiden, kleben und sprechen kann, soll sich an diese politische Kunst nicht heranwagen. Man muß mit Schere, Leim und Wort zeichnen können wie Gott Kain zeichnete: daß sie ein für alle Mal Gezeichnete bleiben. Jos Deenen kann das.
Jos ließ sich besonders durch die Dada-Künstler (z.B. Raoul Hausmann, Hannah Höch; und Rauschenberg) beeinflussen. Besonders die gesellschaftskritischen Arbeiten von Otto Dix und George Grosz haben einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Die antifaschistischen Collagen von John Heartfield haben ihn veranlaßt, selbst die Schere in die Hand zu nehmen und einige Schnipsel unter dem Motte “Nimm bloß Schere und Leim, wenn du nicht reden kannst” zusammenzuleimen.
Paul Mangen.
Literatur: Mensch ohne Welt - Schriften zur Kunst und Literatur - Gunther AnderBeck’scheReihe
Experiment Kunst - Die Dada-Bewegung und ilire Auswirkungen in der Kunst des 20.Jahrhunderts - Bernhard Sprute & Peter Weber - Schroedel